Unser Team muss von Emotionen leben

Unser Team muss von Emotionen leben
06.10.2016

Im vergangenen Monat spielte Carlos Guerra an den Olympischen Spielen, jetzt bereitet sich der Mexikaner mit seinem neuen Klub Volley Schönenwerd auf die anstehende NLA-Saison vor.

Carlos Guerra, im August führten Sie die mexikanische Nationalmannschaft an den Olympischen Spielen in Rio als Captain an. Wie wars?

Es war eine unglaubliche Erfahrung. Ich kann es mit keinem anderen Turnier, das ich bis jetzt gespielt haben, auch nur annähernd vergleichen. Von jeder Sportart sind die Besten der Welt dabei, das kriegst du nirgendwo sonst. Speziell war auch die Medienaufmerksamkeit, der Fokus der ganzen Welt war natürlich auf Rio gerichtet. Ich hatte Interviews mit unterschiedlichsten Fernsehstationen. Das war sehr beeindruckend.

Ihr Team beendete das olympische Turnier allerdings ohne Punkte.

Dass wir uns zum ersten Mal für die Olympischen Spiele qualifizieren konnten, war für uns schon ein grosser Erfolg. Wir sind realistisch und wissen, dass wir nicht ganz zu den zwölf besten Teams der Welt gehören. Deshalb hätte ich erwartet, dass die Spitzenteams gegen uns mit den Reservespielern antreten. Aber wir haben frech aufgespielt. Jeder Gegner musste gegen uns seine besten Kräfte einsetzen. Darauf können wir stolz sein. Die Jungen in unserem Team werden an dieser Erfahrung wachsen. Für mich als Oldie war es die Krönung meiner Karriere, dass ich das erleben durfte.

Wann führte Sie Ihre Karriere in die Schweiz?

Ich kam vor knapp zehn Jahren nach Glarus und spielte bei Näfels als Profi. In der zweiten Saison lernte ich meine jetzige Frau Tanja kennen. Wir haben drei Kinder bekommen, seither ist die Familie der Grund, weshalb ich in der Schweiz lebe. Ich spielte zwischendurch nochmals im Ausland, wollte dann aber lieber wieder mehr am Leben meiner Kinder und meiner Frau teilhaben. Das ist das, was für mich in erster Linie zählt. Mittlerweile habe ich einen 100- Prozent-Job und bin noch Halb-Profi. Ich bin übrigens seit Ende August offiziell Schweizer. Darauf bin ich sehr stolz. Auch meine Töchter sind im Herzen und im Geist richtige Schweizerinnen, sie sehen nur aus wie Mexikanerinnen.

Sie spielten in der Schweiz schon für Näfels, Lausanne und Chênois. Die nächste Station heisst nun also Schönenwerd. Wieso dieser Schritt?

Schönenwerd ist ein Klub, den ich stets respektiert habe. Hier wird sehr professionell gearbeitet. Ein simpler Grund für den Wechsel ist die Nähe zu meinem Wohnort. Vorher bei Genf konnte ich praktisch nur einmal pro Woche trainieren, weil es einfach zu weit war. Jetzt kann ich regelmässig ins Training, so bekomme ich sicher keine Probleme mit meinen Körper (lacht). Nein ehrlich, ich ging schon immer viel in den Kraftraum. Aber es ist ein grosser Unterschied, ob man regelmässig Ballkontakte hat oder nicht. Wenn man mehr im Training ist, hat man zudem einen viel engeren Kontakt zu den Mitspielern. Letzte Saison war ich viel zu wenig beim Team, konnte die Saison deshalb nicht wirklich geniessen. Jetzt hoffe ich, dass ich bei Volley Schönenwerd mein Glück finde.

Wie war es, in den vergangenen Jahren gegen Schönenwerd zu spielen?

Die Spiele gegen Schönenwerd waren immer gute Fights. Schönenwerd hat zwar eine kleine Halle, dafür sehr viele Zuschauer. Ich habe es genossen, dort zu spielen. Ich hoffe, von jetzt an kann ich die Unterstützung der Fans geniessen. Ich bin schon gespannt auf das erste Heimspiel.

Schönenwerd hat mit Kristo Kollo (Estland), Fran Peterlin (Kroatien) und Daniel Rocamora Blazquez (Spanien) drei weitere Ausländer verpflichtet. So viele Söldner hatte «Schöni» noch nie im Kader. Was halten Sie von der neuen Strategie?

Wenn du die Meisterschaft gewinnen willst, musst du so viele gute Spieler aufs Feld bringen wie nur möglich. Gute Schweizer wie Jan Schnider kannst du nur mit Ausländern gleichwertig ersetzen. Das hat der Klub getan. Der grösste Unterschied zur letzten Saison wird wohl sein, dass wir zuerst die richtige Chemie finden müssen. Es ist ein komplett umgebautes Team. Ich habe noch nicht alle Spieler gesehen. Peterlin und Blazquez sind noch mit dem Nationalteam unterwegs. Deshalb weiss ich nicht, wie stark wir tatsächlich sind. Aber wir werden auf jeden Fall bereit sein, wenn es losgeht. Unser Trainer ist erfahren, er lässt uns arbeiten und holt das Beste aus uns raus.

Wie sehen Sie Ihre Rolle im Team?

Ich will ein Leader sein, das ist klar. Ich war schon immer ein sehr emotionaler Spieler, der seine Teamkollegen mitreissen kann. Meine neuen Kollegen haben mich gerade zum Captain gewählt. Das macht mich sehr stolz. Es zeigt mir, dass sie mich ebenfalls als Leader sehen. Ich hoffe, dass auch die anderen Ausländer viel Intensität reinbringen in unser Spiel. Unser Team muss von Emotionen leben.

Wer ist der Titelfavorit dieses Jahr?

Man sollte immer den Champion respektieren. Amriswil ist der amtierende Meister. Deshalb gehören sie für mich in einer Prognose auf den ersten Platz. Es wird wohl einen Kampf zwischen vier Klubs geben: Amriswil, Näfels, Lausanne und Schönenwerd. Aber man weiss nie, es sind ja nur acht Teams. Es ist generell noch zu früh für solche Überlegungen. Was auf jeden Fall spannend wird, ist der Modus. Dass es wieder Playoffs gibt, gefällt mir.

Sie sind jetzt 35 Jahre alt. Planen Sie schon das Ende Ihrer Karriere?

Wenn ich in der Halle bin, fühle ich mich jünger als 35. Klar habe ich die besten Jahre hinter mir, aber ich fühle mich immer noch bei hundert Prozent. Das Schöne beim Volleyball ist, dass man die nachlassende physische Kraft auch mit Finesse kompensieren kann. Meine Gesundheit ist aber nur die eine Seite. Die andere ist die Familie, und die entscheidet am Schluss. Solange es meine Frau und meine Kinder erlauben, dass ich öfters weg bin, spiele ich weiter (lacht).

 

Quelle: Oltner Tagblatt

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