Gekommen, um zu bleiben

Gekommen, um zu bleiben
06.04.2017

Schönenwerd hat den wertvollsten Spieler im Schweizer Volleyball. Daniel Rocamora aus Spanien will als «stiller Leader» auch im Playoff-Halbfinal gegen Näfels ein Vorbild sein.

 

Aargauer Zeitung vom 5. April

 

http://www.aargauerzeitung.ch/sport/aargau/der-spanier-daniel-rocamora-ist-gekommen-um-zu-bleiben-131194748

Weltenbummler nennt man so etwas landläufig. Einen Teamsportler, der mit messerscharfer Gewissheit von Klub zu Klub zieht, jede Saison einen anderen Arbeitgeber und neue Teamkollegen kennen lernt. Daniel Rocamora gehörte in seiner bisherigen Karriere genau zu dieser Spezies.

Aufgewachsen in der Nähe von Barcelona, als 14-Jähriger von zu Hause weg in eine Volleyball-Akademie gezogen, bald erste Duftspuren in der spanischen Liga hinterlassen, mit 18 Jahren das erste von bislang 139 Länderspielen bestritten und in den letzten sechs Jahren in sechs Ländern engagiert: Spanien, Andorra, Italien, Deutschland, Österreich, Rumänien.

Und seit Oktober nun also beim TV Schönenwerd in der Nationalliga A. In einer prägenden Rolle. Derart auffallend, dass der 28-Jährige soeben zum zweiten Mal in seiner Karriere zum «Most Valuable Player» der Liga gewählt wurde. Bereits vor fünf Jahren in Spanien wurde ihm diese Ehre teil.

Gejubelt wird erst ganz am Schluss

Der Jury, bestehend aus den Trainern der NLA-Teams, gefiel neben seinen 410 erzielten Punkten, die ihn zum Topskorer der Liga machen, auch die aussergewöhnliche Technik und Athletik des 2,03 m grossen Modellathleten. Und wohl auch sein Charakter.

Rocamora nennt sich selber einen «stillen Leader», der sich darauf fokussiert, gut zu spielen. «Die Emotionen hebe ich mir auf für den Moment, in dem wir als Team das Spiel gewonnen haben», sagt der Spanier. «Ich glaube, ich konnte auch überzeugen als ein Spieler, der kaum reklamiert und erst recht nie aus der Haut fährt. All das kostet nur Energie, die bei der Leistung abgeht.»

Der nächste Karriereschritt ist ebenfalls schon vorgespurt. Die türkische Liga ruft, in Istanbul kann Rocamora mindestens dreimal mehr verdienen als bei Schönenwerd. Und das bei ungleich besserem Leistungsniveau. Volleyballprofi, was begehrt dein Herz mehr?

Rocamora kennt die Antwort. Er will wenn immer möglich in Schönenwerd bleiben. «Geld spielt bei dieser Entscheidung keine Rolle», sagt er. Es ist eine Herzensangelegenheit. Im doppelten Sinn. «In der Schweiz habe ich eine Heimat gefunden», sagt der Spanier. Er spürt den starken Wunsch, nach Jahren der sportlichen Wanderschaft sesshaft zu werden. Eine Frau spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. «Ich bin neu liiert mit einer Schweizerin aus der Region. Das ist ein starkes Argument für eine Vertragsverlängerung.»

Rocamora soll bleiben

Auch aufseiten des Vereins ist das Interesse gross, den Topskorer zu behalten. Noch hat man sich nicht gefunden, denn aus finanziellen Gründen soll Profi Rocamora in der nächsten Saison einen Nebenjob annehmen. Auch aus seiner Sicht eine gute Sache. Damit eine von ihm favorisierte Tätigkeit im Bereich Fitnessinstruktor oder Personal Trainer realistischer wird, will er im Sommer endlich deutsch lernen. «Die Sprache ist das Einzige in der Schweiz, das mir einige Probleme bereitet», sagt er mit einem breiten Grinsen.

Selbst seine Eltern, die erstmals und extra für die MVP-Verleihung in die Schweiz kamen, haben ihn bestärkt, bei Schönenwerd zu bleiben. Sie spüren, dass ihr Sohn hier glücklich ist. Doch Glück allein reicht als Argument nicht. Gefragt ist Leistung. «Jetzt interessiert nicht mehr der MVP der Qualifikation, jetzt benötigen wir die wertvollsten Spieler der Playoffs», stellt Sportchef Daniel Bühlmann nüchtern fest.

Er sieht bei Rocamora wie beim Rest des Teams Steigerungspotenzial. Solches ist im Halbfinal-Duell mit Näfels dringend gefragt. Viermal stand man sich in dieser Saison gegenüber, viermal gewannen die Glarner. Das will Rocamora ändern. Und nach der sportlichen Mission unbedingt zum Blausee ins Berner Oberland reisen, seinem persönlichen Traumziel in der Schweiz. Nach Schönenwerd versteht sich.

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